Interview mit Andrea Flügel zu Du Für Braunschweig

»Ich habe mich sehr geärgert, dass Leute nicht zu ihren Angehörigen können.«

Wie bist du auf DU für Braunschweig aufmerksam geworden?

Ich habe mich sehr geärgert, dass Leute nicht getestet werden können und nicht zu ihren Angehörigen können und habe mich jedes Mal aufgeregt, wenn ich das gelesen habe. Das war kurz vor Weihnachten 2020 und dann stand in der Braunschweiger Zeitung, dass die Freiwilligenagentur ein paar Freiwillige für Corona-Tests suchen und da habe ich gedacht, ich kann ja nicht die ganze Zeit rummeckern. Wenn ich immer meckere, dann muss ich auch aktiv werden und dann habe ich in der Freiwilligenagentur angerufen. Die konnten nicht direkt vermitteln, aber ich habe den Kontakt zur Awo gekriegt und habe dann Anfang Januar, gleich nach Neujahr, angefangen in der ambet Sozialstation e. V.  Corona-Tests zu machen. Ich dachte: „Du kannst dich nicht die ganze Zeit aufplustern und dann nichts tun.“ Das war noch bevor es die Testzentren gab. Mein Vater ist 2017 gestorben und ich wenn ich mir vorstelle, ich hätte da nicht hin gekonnt, ich wäre ausgetickt. Das wäre überhaupt nicht gegangen. Von daher war mir klar, dass ich etwas tun möchte.

Wie lange hast du deine Aufgabe gemacht?

Begonnen habe ich im Januar 2021, direkt nach Neujahr. Im Juli 2021 war dann Schluss, weil fast alle geimpft sind. Jetzt arbeite ich wieder Vollzeit im Bildungssektor der niedersächsischen Wirtschaft als Jobcoach.

Was genau waren deine Aufgaben?

Ich habe die Mitarbeiter der Sozialstation getestet, drei oder vier Tage die Woche. Den Rest haben die Kollegen hier dann selbst gemacht. Es war einfach schön, dass sie nicht immer jemanden abstellen mussten, der das macht. Das sind ja auch diese Tests, die man nicht wirklich alleine machen möchte. Es gab eine Kollegin, die hat sich dieses Stäbchen alleine in die Nase gerammt. Alle anderen haben mich das aber machen lassen und waren auch froh darüber. Das ist schon angenehmer, wenn jemand anders es für einen macht.

Wie ist hoch war dein wöchentlicher Zeitaufwand?

Ich bin anfangs dreimal die Woche, auch mal viermal die Woche, für  3 Stunden hier gewesen. Es ist ja ein ambulanter Pflegedienst, das heißt die Pflegekräfte sind ja nicht alle hier vor Ort, sondern immer zu unterschiedlichen Schichten und zu unterschiedlichen Zeiten. Deshalb war ich immer zwischen 10 Uhr und 13 Uhr hier. Man macht das ja gerne und ich wusste ja auch, dass es absehbar ist.

»Ich finde, ich habe so viel Glück gehabt im Leben, dass ich auch durchaus was zurückgeben kann.«

Was war dein persönlicher Anreiz? Was hat dich dazu bewegt Freiwilligenarbeit zu leisten?

Neben dem, was ich schon angesprochen hatte, dass ich es schlimm fand, dass die Menschen ihre Angehörigen nicht besuchen konnten, hatte ich viel Zeit und wollte etwas tun. Ich bin 61 Jahre alt. Ganz viele Leute, die man so kennt, sind langsam in Rente gegangen. Am Anfang haben die natürlich ganz viel zu tun und Renovieren das ganze Haus und so. Aber irgendwann ist das mal fertig und dann sitzt man da und denkt „ja was mache ich denn jetzt nur?“ Wenn man Pech hat in der Übergangszeit, sind die Freunde dann noch in der Arbeit und nicht zu den gleichen Zeiten da. Da kann man sich dann schon langweilen und so viel Bücher kann man gar nicht lesen. Ich lese wirklich gerne, aber so viel? Oder Taschen häkeln oder was auch immer. Und man kann ein Ehrenamt ja auch als Hobby betrachten. Ich finde, ich habe so viel Glück gehabt im Leben, dass ich auch durchaus was zurückgeben kann. Das finde ich noch mal wichtiger.

Hast du einen persönlichen Bezug zu deiner Tätigkeit? Wenn ja möchtest du etwas dazu erzählen?

Ich habe in meinem ersten Leben Krankenschwester gelernt, aber habe 40 Jahre nicht in dem Beruf gearbeitet. Das ist zwar lange her, aber so ein paar Grundlagen hat man natürlich noch. Es war zumindest nicht nachteilig, dass ich gewisse Sachen schon mal gemacht habe. Gerade im Hygienebereich sind die Handhabungen einfach klar oder auch wie ich mit dem Material umgehe und das Handling. Das hat ganz gut geklappt.

Hast du während der Freiwilligenarbeit bereits einen Moment erlebt, der auch dein eigenes Leben bereichert hat? Wenn ja welcher?

Was ganz toll war hier, war dass die mich gleich mit zum Impfen angemeldet haben. Sonst wäre ich ja noch gar nicht dran gewesen und so wurde ich gleich sozusagen fast in der ersten Welle mitgeimpft. Das war natürlich total klasse. Das fand ich wirklich toll, ein wirklicher Bonus, der in der Form natürlich mein Leben bereichert hat.

Wieso ist deiner Meinung nach die Unterstützung durch ehrenamtliche HelferInnen so wichtig?

Ich finde aber, Ehrenamt ist eine wirklich wichtige Angelegenheit, da es ebenso viele Sachen gibt, die aus irgendwelchen Gründen nicht gehen. Ich finde z. B. dieses Schulbuddies-Projekt spitzenmäßig. Es wird echt Zeit, dass es Leute gibt, die ihr Know-how einsetzen, wobei das auch schwierig ist. Ich habe studiert und wenn man dann sagt ich mache halt mal Nachhilfe. Geh mal irgendwo hin, wo das gebraucht wird und biete das an. Das geht ja überhaupt nicht. Man braucht noch einen extra Schein und eine Weiterbildung und das wird dann einfach nichts. Ein paar Schulungen und Weiterbildungen sind ja okay und sind auch sinnvoll, aber das ist halt richtig Arbeit und richtig Aufwand, bis man da dann irgendwas machen kann. Deshalb ist es wichtig und gut, dass es Agenturen, wie die Freiwilligenagentur gibt, die sich darum kümmern und das vereinfachen.

»Es ist ja eine Win-Win-Situation.«

Was würdest du Leuten raten, die noch zögern sich beim Freiwilligendienst zu melden? Wünsche für zukünftige Arbeit?

Ich würde denken, wenn man keine Arbeit hat, die einen 50 Stunden die Woche beschäftigt oder man 100.000 andere Sachen am Hals hat, sollte man sich ein Ehrenamt suchen, auf das man richtig Lust hat. Also etwas, das einem richtig Spaß macht. Das gibt es ja in allen Bereichen: Kunst, Musik, Schule, Kinder Hunde, Museen, Archive… Es muss ja nicht immer karitativ sein. Einfach etwas finden, woran man wirklich Interesse dran hat. Das finde ich entscheidend. Es ist ja eine Win-Win-Situation. Man hilft anderen und tut etwas für das eigene Selbstbewusstsein. Ich war zu der Zeit, als ich das hier angefangen habe, arbeitslos. Mein Arbeitgeber hatte wegen Corona Kurzarbeit verhängt und alle, die Zeitverträge hatten und nicht völlig unabkömmlich waren, die waren erstmal draußen. Und ich habe das auch genossen, keine Frage, aber irgendwann wird es eben ein bisschen langweilig, so zu Hause rumzuhängen, wenn man davor immer so viel Betrieb hatte und viel unterwegs war. Aber das war für mich jetzt der Einstieg, wieder zu arbeiten. Das war so eine Initialzündung. Dadurch, dass ich das in der Sozialstation gemacht habe, habe ich gedacht, ach ist eigentlich ganz nett mal wieder soziale Kontakte zu haben. Und es ist eine schöne Methode, um neue Blickwinkel zu eröffnen und den Horizont zu erweitern. Man kann ja etwas machen, was nichts mit dem zu tun hat, was man bisher so beruflich gemacht hat.

Redaktion und Interviews: Marie-Christin Grütter & Lynn Zuber – Call The Dude GmbH.

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