Interview zu DU für Braunschweig mit Marion Baasner

Wie bist du auf DU für Braunschweig aufmerksam geworden?

Angefangen hat es damit, dass ich in Pension bin. Ich fühle mich aber noch fit und so gar nichts tun ist nichts für mich. Ich wollte gerne etwas im sozialen Bereich machen und habe mich überall registriert. Nachbarschaftshilfe und was es so gibt. Dann kam Corona und überall hieß es jetzt dürfe man nicht. Ein bisschen traurig. Ich habe dann immer wieder geguckt, weil in der Zeitung stand, dass es dank Corona an allen Ecken und Enden fehlt, die Terminvergabe läuft nicht und so. Dann habe ich wieder gegoogelt und geguckt und habe mich registriert für Corona-Hilfe. Da ging es ein Terminvergabe-Callcenter. Da war ich dann auch eingetragen, kam aber gar nichts. Es hieß überall, man benötige ehrenamtliche Helfer, aber man hat nur Absagen erhalten und keine Rückmeldungen gekriegt. Doch dann habe ich mich bei der Freiwilligenagentur registriert und super schnell einen Anruf erhalten, dass sie Impfpaten suchen. Das sind Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Aber das läuft jetzt so gut wie aus, weil diejenigen jetzt natürlich über den Hausarzt geimpft werden. Ist ja klar, was wollen die sich zum Impfzentrum quälen. Diejenigen, die ich begleitet habe, haben mich gleich gefragt, ob ich zum Zweittermin auch mitkomme. Dann habe ich mir gleich den zweiten Termin eingetragen, habe aber dann vorgeschlagen, dass sie beim Hausarzt nachfragen, ob sie dort die Zweitimpfung erhalten können. Das ist ja einfacher, da sie dort eh häufiger sind. Und weil ich merkte, das mit der Impfbegleitung wurde weniger, habe ich gesagt, ich bin auch zu allen möglichen anderen Tätigkeiten bereit. Daraufhin kam das mit der Sprachpatenschaft. Ich habe eine nette iranische Frau, die ich so ein bisschen im Bereich Sprache und Kultur fördere und unterstütze. Ich bin also froh, auf die Freiwilligenagentur gestoßen zu sein und helfen zu können.

»Viele waren ängstlich und unsicher und dankbar für meine Unterstützung.«

Was waren deine Aufgaben und wie lange hast du diese gemacht?

Ich habe Menschen zum Impfen begleitet. Es waren vor allem ältere Menschen, denen man angemerkt hat, dass Sie diese Hilfe dringend benötigten. Viele waren ängstlich und unsicher und dankbar für meine Unterstützung. Viele waren auf den Rollator angewiesen und eine hatte ein Sauerstoffgerät bei sich, also musste wir noch diese Flasche mitnehmen. Da geht das gar nicht mit den Papieren, sie konnte gar nichts mehr tragen und war froh, dass ich ihr das abgenommen habe. Sie lebt allein, also ziehe ich den Hut vor der Frau. Wie sie das alles organisiert, das fand ich so toll. Ich habe ihr auch meine Telefonnummer gegeben und habe gesagt, wenn es ihr mal nicht gut geht oder so, kann sie mich gerne anrufen. Ich dachte, das gibt ihr ein bisschen Sicherheit. Ich bin natürlich kein Arzt, aber ich kann kommen, wenn was ist und ihr meine Unterstützung anbieten.

Dadurch, dass die meisten Älteren schon geimpft sind oder das dann über den Hausarzt gemacht haben, ist das ausgelaufen. Die Sprachpatenschaft läuft aber weiter und die möchte ich auch beibehalten.

»Es ist niemand böse, wenn man nein sagt.«

Wie ist hoch ist dein wöchentlicher Zeitaufwand?

Das ist flexibel, aber ich springe des Öfteren ein. Sie fragen mich immer wieder kurzfristig und ich sage dann ja oder nein. Da kommt manchmal sehr kurzfristig eine Anfrage, aber das ist gar kein Problem. Und es ist auch niemand böse, wenn man nein sagt.

»Wenn jeder mit anpackt, dann kriegen wir das in den Griff.«

Was war dein persönlicher Anreiz? Was hat dich dazu bewegt Freiwilligenarbeit zu leisten? (Kopie)

Ich habe schon immer so nebenbei mal etwas Soziales gemacht. Als ich noch gearbeitet habe, war ich im Städtischen Klinikum als grüne Dame 10 Jahre beschäftigt. Ich dachte immer, solange es mir gut geht, kann ich auch was zurück geben. Man braucht ja nur ein bisschen Zeit spenden. In der Coronazeit fand ich das mit der Impfpatenschaft richtig gut, weil ich dachte, wenn jeder mit anpackt, dann kriegen wir das in den Griff. Und wenn es nur ein ganz kleines Rädchen ist, es bewirkt ja doch etwas. So bin ich dazu gekommen.

Wie reagieren die zu Betreuenden auf die Hilfe?

Ich habe nur Positives erlebt, sowohl bei den Impfpatenschaften als auch bei der Flüchtlingspatenschaft. Mein Patenkind lebt noch im Heim in Lamme und sucht händeringend eine Wohnung für eine Einzelperson in Braunschweig. Eine kleine Wohnung ist aber noch schwerer zu finden als eine Große. Es gibt ja viele Vorgaben, wie viel Quadratmeter und Kaltmiete es nur sein darf. Und weil sie noch keinen Job hat, ist das noch schwieriger. Sie hat jetzt aber ihren Pass. Ich war auch mit ihr, was wir eigentlich nicht sollten, zur Ausländerbehörde. Sie ist sehr ehrgeizig und kann eigentlich schon ganz gut Deutsch, ist aber so eine Perfektionistin und möchte nicht falsch sprechen und dann sagt sie lieber gar nichts. Und bei Behörden kommt noch dazu, aus welchem Land sie kommt. Sie hat Angst vor Behörden, das merkt man. Da habe ich dann gesagt, ich habe keine Ahnung von diesen Dingen, aber ich komme einfach mit, um ihr den Rücken zu stärken. Die haben da auch sehr schnell gesprochen, da kommt sie noch nicht mit und da habe ich dann gedacht, die haben nicht ewig Zeit da in der Ausländerbehörde und habe einen Block mitgenommen, alles Wichtige notiert und das mit ihr hinterher in Ruhe besprochen. Ich finde, wo man weiterhelfen kann, sollte man das auch tun. Aber sie wünscht sich eine eigene Wohnung und da kann ich ihr leider nicht wirklich helfen, weil man nichts findet. Ich habe sie, nachdem ich vollständig geimpft war, dann mal im Heim besucht, weil sie sich das so sehr gewünscht hat und wir haben gekocht und gegessen. Ich bin dann mehrfach von anderen dort angesprochen worden und habe dann die Telefonnummer der Freiwilligenagentur einfach weitergegeben. Ich weiß nicht, ob sie alleine tätig werden, aber Interesse und Bedarf ist da. Vor allem Männer werden auch viel gesucht von der Freiwilligenagentur, weil die immer nur gleichgeschlechtliche Paare vermitteln und sich vor allem Frauen registrieren. Deswegen fehlt es da auf jeden Fall an Männern.

»Man kann, indem man ein bisschen Zeit spendet, so viel bewirken.«

Hast du während der Freiwilligenarbeit bereits einen Moment erlebt, der auch dein eigenes Leben bereichert hat?

Mich bereichert die Aufgabe insgesamt. Man kann, indem man ein bisschen Zeit spendet, so viel bewirken. Jeder kleine Schritt zählt. Und ich bewundere es, wie mutig speziell die Frauen sind, wenn sie allein kommen und da alles zurückzulassen, die Familie und so. Am schlimmsten ist es, wenn mein Patenkind mit ihrer Mutter telefoniert. Die befürwortet es, dass sie hier ist, aber natürlich ist man traurig. Sie würde natürlich gerne zurück nach Hause, darf aber nie wieder zurück. Das ist schwer für sie,  die Menschen, die Kultur hier ist alles fremd. Die Sprache zu lernen, was schon schwer genug ist und sich zurechtzufinden und niemanden zu haben, das ist hart. Dann die Wohnungsfrage und die Jobfrage. Die Behörden sind auch nicht immer hilfreich. Sie möchten gerne Unterstützung, aber es gibt teilweise komplizierte Vorgänge. Und das sind so Dinge, da kann man leider gar nicht helfen. Das ist frustrierend. Aber ich bewundere es trotzdem, wie ehrgeizig sie sind und wie sehr sie wollen. Sie möchte auch ihren Führerschein unbedingt auf Deutsch machen. Aber das mit den vielen Schwierigkeiten müsste viel mehr publik gemacht werden. Man macht sich ja so keine Vorstellungen und das ist wichtig fürs öffentliche Verständnis.

Was würdest du Leuten raten, die noch zögern sich beim Freiwilligendienst zu melden?

Einfach machen. Man verpflichtet sich ja auch nicht für irgendwas. Einfach mal anmelden. Es gibt so viele verschiedene Projekte, für die Unterstützung gesucht wird. Ausprobieren, was einem liegt.

Redaktion und Interviews: Marie-Christin Grütter & Lynn Zuber – Call The Dude GmbH.

Unterstützer:innen